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Kategorie: Gesellschaft

Nie mehr alleine kämpfen

Die SOS-Kinderdorf-Mutter Peggy lernt ihre ersten Kinder kennen.
Wie alle werdenden Mütter hatte Peggy sehnsüchtig auf die Ankunft ihres ersten Kindes gewartet. Gehofft und gebangt. Wie viele andere Frauen wusste sie nicht, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen bekommen würde. Doch da waren auch noch andere Fragen: Wie alt würde das Kind sein? Woher würde es kommen und welches Schicksal würde es mitbringen? Und würde es Peggy akzeptieren?

Ganz wie bei einer Schwangerschaft vergingen viele Monate, bis Peggy ihr kleines Mädchen zum ersten Mal sehen sollte. Da waren sie und die anderen zukünftigen Mütter längst in das neue SOS-Kinderdorf Rustenburg in Südafrika eingezogen. Die Familienhäuser hatten kaum ihre vier Wände und ein Dach bekommen, da hatten die Frauen schon damit begonnen, die Häuser einzurichten und alles für die Ankunft der Kinder vorzubereiten, begierig darauf, das, was sie in zwei Jahren Ausbildung gelernt hatten, anzuwenden. Es ist eine Herausforderung, SOS-Kinderdorf-Mutter zu sein; jede der Frauen zieht zehn, zwölf Kinder gleichzeitig groß, Jungen und Mädchen, die alle schon Schlimmes erlebt haben. In Praxis und Theorie sind die Frauen darauf vorbereitet worden.

Nun wurde zunächst ihre Geduld erprobt. Zwar leben Tausende Waisen und Not leidende Kinder in der Nähe von Rustenburg in der Nordwest-Provinz des Landes, und jedes von ihnen hätte ein Zuhause nötig, aber dennoch dauert es, bis ein Kind tatsächlich ins SOS-Kinderdorf kommt. Über die lokalen Medien hatten die SOS-Mitarbeiter zunächst mehrere Aufrufe gestartet und auf das neue SOS-Kinderdorf in Rustenburg hingewiesen. Es ist eines von sechs Dörfern, die aufgrund der weltweiten SOS-Spendenaktion 6 Dörfer für 2006 anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft gebaut werden konnten. Anschließend mussten die familiären Verhältnisse der Kinder geklärt und Gespräche mit Ämtern und Gemeinden geführt werden. Ein langer Prozess, bei dem viel Fingerspitzengefühl nötig ist.

Der Name des ersten Kindes konnte passender nicht sein. "Mpho" heißt auf Deutsch "Geschenk". Unsicher stand das Mädchen ihrer neuen Mutter gegenüber. Was würde auf sie zukommen? Zuletzt hatte sie in einem Übergangsheim gelebt, in dem die Kinder bleiben, bis für sie eine dauerhafte Unterbringung gefunden wird. 16 Monate hatte Mpho hier verbracht – ein langer Übergang. Peggy breitete die Arme aus. Noch an diesem ersten Tag geschieht eine kleine Sensation: Mpho sagt "Mama" zu ihr.

Zwei Wochen später. Mpho und Peggy plaudern ausgelassen, lachen. Wann immer Peggy zu ihr spricht, hört Mpho aufmerksam zu. Immer wieder schlingt das Mädchen die Arme um Peggy, als bräuchte es in regelmäßigen Abständen den Beweis: ich habe eine Mutter und ich kann sie sogar anfassen. Mpho wirkt selbstbewusst, strahlend und niemand würde ahnen, dass in ihrem kurzen Leben schon eine Menge schief gegangen ist. Mpho war noch klein, als ihre Mutter starb, anschließend lebte sie bei einer Tante. Es ging ihr nicht gut dort, das Mädchen erfuhr körperliche und seelische Gewalt, noch heute sind ihre Narben zu sehen.

Und jetzt steht sie da und lacht. Mit dem Stolz einer Mutter erzählt Peggy, wie gut sich Mpho schon nach so kurzer Zeit in der Schule macht. "Sie ist nie unterrichtet worden, aber kann bereits lesen und schreiben." Und dass in Mphos Schulbüchern Einträge wie diese stehen: "Hör auf herumzuspielen und sei ernsthafter!" ist für Peggy eher ein gutes Zeichen. "Ich bin froh, dass sie einen so starken Willen hat und die Gabe, albern zu sein."

Das Leben im SOS-Kinderdorf, es kann tatsächlich leicht und unbeschwert sein, manchmal, in guten Zeiten. Nur wenig später bekommt Peggy ihr zweites Kind, das Mädchen Lerato, fünf Jahre alt. Bei seiner Ankunft ist es so krank und verwahrlost, dass es sofort ins Krankenhaus gebracht werden muss. Gerade ein Jahr jünger als Mpho, ist es nur halb so groß. Der Arzt bestätigt den Verdacht: Lerato ist HIV positiv und muss sofort behandelt werden. Erst einen Monat später kann Peggy sie mit nach Hause nehmen. Auch da ist Lerato noch so schwach, dass sie kaum laufen kann.

Zwei Monate später. Lerato läuft herum, hat deutlich zugenommen, und wenn man die beiden Mädchen von weitem reden hört, ist Lerato mindestens so laut wie ihre ältere SOS-Schwester. Die Beiden bestanden darauf, ein Zimmer miteinander zu teilen - obwohl das Haus zurzeit noch genügend freie Räume hätte. Ein richtiges Mädchen-Zimmer ist das geworden, mit rosa Decken auf den Betten und einer Teddy-Bären-Ecke. Wie geht es weiter? Mit Leratos Gesundheit? Mphos Narben, den sichtbaren und den unsichtbaren? Welche Kämpfe haben die Mädchen noch zu kämpfen? Niemand kann das wissen, nur eines ist sicher: Mpho und Lerato werden nicht alleine kämpfen müssen. Sie haben Peggy, sie haben einander und sie haben ein ganzes Dorf.

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