Am Anfang war die Angst – Angst vor der Krankheit und Angst vor den Kranken selbst. „Die Anwohner haben das Hospiz blockiert und unsere Mitarbeiter und Patienten mit Steinen beworfen, so dass wir die Polizei rufen mussten“, erinnert sich Gabriel Madiye, der Leiter des Shepherd’s Hospice in Sierra Leones Hauptstadt Freetown. „Noch vor ein paar Jahren wollte niemand über Aids sprechen, das Thema war tabu. Die Leute kannten sich nicht aus: Sie fürchteten, sich über Alltagskontakte mit Aids-Patienten zu infizieren. Niemand wollte etwas mit den Kranken zu tun haben.“
Aufklärungsarbeit trägt Früchte
Seit „Brot für die Welt“ das Projekt fördert, wurde die Arbeit über die Pflege hinaus ausgedehnt, Aufklärungsaktionen und Weiterbildung fest etabliert. Vieles hat sich seither verändert. Inzwischen fliegen keine Steine mehr. Zu den Versammlungen strömen Hunderte von Menschen, die wissen wollen, wie sie Medizin für ihre Angehörigen bekommen können oder Stipendien für Aids-Waisen. Krankenschwestern, die Angst vor einer Infektion hatten, wurden im sicheren Umgang mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken ausgebildet. Hospizmitarbeiter unterrichteten Familien, wie sie ihre kranken Angehörigen pflegen können. Die Kranken bekamen nicht nur medizinische, sondern auch psychologische und spirituelle Hilfe. Das Shepherd’s Hospice wurde als christliche Einrichtung gegründet, doch die Angebote richten sich an Menschen jeden Glaubens.
Die Aufklärungsarbeit hat Früchte getragen – die Krankheit ist kein Tabu-Thema mehr, und HIV-positive Menschen werden nicht mehr ausgegrenzt. Sich vor Aids verstecken zu wollen, das macht auch keinen Sinn: Die Krankheit ist überall angekommen – jeder in Freetown kennt jemanden, der an den Folgen von Aids gestorben ist. So hat sich auch die Arbeit von Shepherd’s Hospice in den letzten Jahren gewandelt. Zwar kommen immer noch Patienten für einige Tage ins Krankenhaus, um sich medizinisch betreuen zu lassen. Die Hauptarbeit findet jedoch in den Siedlungen der Umgebung statt.
Neuer Lebensmut
Zum Beispiel im Dorf Tombo. Hier rattern Nähmaschinen, klappern Webstühle, lernen junge Frauen Englisch. Sie sind allein erziehend und mit dem Virus infiziert. Manche prostituieren sich, um zu überleben. Mit Hilfe der Kurse von Shepherd’s Hospice sollen sie bald auf andere Weise Geld verdienen können. „Wir wollen den Frauen auch Selbstvertrauen geben“, sagt Florence Kessebeh. Die lebenslustige Frau hat immer ein paar Kondome in der Tasche und wirbt unermüdlich für deren Gebrauch, bei Frauen und vor allem bei den Männern. Florence ist selbst HIV-positiv, angesteckt hat sie sich über ihren inzwischen verstorbenen Freund. Ihre beiden Kinder, zwei Jungen im Alter von drei und neun Jahren, wurden beide negativ getestet – sie geben ihr die Kraft für die Aufklärungsarbeit. „Auf der Straße und im Radio, bei Freunden und in der Familie: Überall erzähle ich von Aids und davon, wie man sich vor Infektionen schützen kann.“
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